Sozialdemokratische Geschlechterrollen
kle_10-09-2009
In meinem letzten Beitrag wies ich auf die weitestgehende ideologische Übereinstimmung aller Parteien hin. Die inhaltlichen Unterschiede zwischen den Parteien treten eher im Kleinen auf, dort wo's weh tut: bei den Fragen nach der persönlichen Einkommenssteuer, den migrantischen Nachbarskindern oder den Vorstellungen von Familie und Geschlechterrollen. Wer Parteien verstehen will, muss also genau dort nachbohren.
Speziell das „Geschlechterbild“ impliziert eine ganze Batterie an Wertvorstellungen; es kulminiert eine ganze Menge Dinge, die originär wenig mit Geschlechtlichkeit zu tun haben. Praktisch also, dass die oberösterreichische SP in ihrer aktuellen Plakatkampagne diesen Punkt aufgreift. Zwei zusammengehörende Sujets arbeiten mit Bildern zur Geschlechtlichkeit.
Ich möchte diesen Blog nutzen, um eine kurze Analyse der (Bilder-)sprache dieser Plakate zu riskieren.
Hier die Sujets:
Bild1: die Frau (von ooe.spoe.at)
Bild2: der Mann (von ooe.spoe.at)
Die beiden Sujets entspringen einer Plakatserie und gehören formal wie inhaltlich ein und der selben Kampagne an, das macht ein flüchtiger, erster Blick klar. Klassische Argentur-Arbeit unter Berücksichtigung diverser Marketing-Parolen.
Bild eins zeigt als Hauptperson, als Objekt der Inszenierung, eine Frau. Verschiedene bildnerische Zuschreibungen erweitern das Bild und konstruieren eine bestimmte Frau: sie trägt dezentes Make-Up, keinen Schmuck, pastellfarbene Kleidung und ihr Lächeln suggeriert einen „sanften Blick“. Die Frau geht auf dem Bild keiner aktiven Tätigkeit nach (im Gegensatz zum Männer-Sujet), sondern als zentrale bildnerische Beigabe schmiegt sich ein kleines Mädchen an die Schulter der Frau. Die Frau auf dem Plakat wird also offensichtlich als Mutter konstruiert. Als Bildhintergrund dient Verschwommenes, möglicherweise ein Garten, ein Wald, ein Kinderspielplatz.
Bild zwei zeigt als Objekt der Inszenierung einen Mann. Es werden auch hier dem Objekt erweiternde Zuschreibungen zugeführt: der Mann ist im Gegensatz zur Frau vor etwas sehr konkretem abgebildet - einer Baustelle. Er ist, erkenntlich am Hosenträger eines Blaumannes, in eine Arbeitsuniform gekleidet. Er blickt angespannt, seine zusammengekniffenen Augen suggerieren keine Sanftheit, sondern Konzentration auf seine (Erwerbs-)Arbeit. So wie der Frau auf dem ersten Sujet als Beigabe eine Tochter hinzugefügt wurde, ist auch dem Mann ein solche Ergänzung mitgegeben: er darf ein Werkzeug nicht nur halten, sondern auf dem Plakat sogar aktiv benutzen.
Die textliche Sprache der Bilder folgt der Bildsprache. Bild1 thematisiert eine Frage zur gesellschaftlichen Reproduktion, nämlich die Versorgung des Nachwuchs; dieses Thema wird mit dem Bildsymbol der Frau verknüpft. Bild2 greift eine Frage der unmittelbaren Produktion in unserer Gesellschaft auf. Die Frage nach Arbeitsplätzen wird mit dem Bildsymbol des Mannes verknüpft.
Beide Sujets (re-)produzieren idealtypische Normen, in ihrer Gegenüberstellung wird zwischen den Objekten der Plakate, einer Protofrau und einem Protomann, eine solide Dichotomie erzeugt. Klassische Heteronormativität. Die Frau wird als Mutter, als passiv, als sanft und besorgt um ihre Kinder konstruiert. Der Mann wird als Arbeiter, als aktiv, als konzentriert, handelnd und geldverdienend konstruiert. Die Frau wird mit ihrer Tochter vor der verschwommenen Naturkulisse einer (privaten) Heim-Sphäre zugeordnet, der Mann mit Blaumann und Werkzeug auf einer Baustelle der öffentlichen Sphäre.
Und das, liebe SPÖ, entspricht einer Auffassung von Geschlechtern, die zwar einem Dollfuß der 1930er Jahre geziemt, aber eigentlich nichts mit einer modernen Sozialdemokratie zu tun haben sollte.

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