Kultur = Lebensmittel

Rezepte eines erweiterten Aktionsradius für regionale Kulturinitiativen von Marty Huber.

Soziokultur
Seit den 1970er Jahre haben sich regionale Kulturarbeit und autonome Kulturinitiativen ihren Weg in die politische Öffentlichkeit gebahnt: In kulturpolitischen Diskussionen tauchte immer öfter der Begriff der Soziokultur auf, der den Begriff von Kultur zu erweitern wusste. „Kultur“ beschränkt sich seitdem nicht mehr auf Bereiche der Hochkultur, sondern wird vielmehr als Menschenrecht oder wie wir hier es nennen wollen als Lebensmittel begriffen. Regionalismus muss sich dabei nicht auf Brauchtumspflege und Folklore beschränken, sondern bietet der Bevölkerung eben jene zeitgenössischen Entwicklungen auch am Land und schafft für diese auch Möglichkeiten der Gestaltung des eigenen (kulturellen) Lebensraumes. Wie es in der Esskultur Fast- und Slowfood gibt, so finden sich im soziokulturellen Feld zeitgenössische Entwicklungen genauso wieder, wie Rückschauen in vergangene Praxen kommunalen Kulturlebens.

Verteilungsgerechtigkeit
Die Erweiterung des kulturellen Feldes erfordert die genaue Analyse von Verteilungsschlüssel zwischen Bundeshauptstadt und den Regionen, denn nicht nur wollen ProtagonistInnen des Kulturlebens einen Teil vom Kuchen, nein, der Kuchen selbst hat sich schon verändert. Darauf muss regionale Kulturförderung reagieren, bevor der Zug Richtung größere Städte abfährt. Während mancherorts nur zwei Kategorien förderbarer Kulturinitiativen vorhanden zu sein scheinen: tourismusfördernde und/oder brauchtumspflegende Kultur, so braucht es für eine stetige Weiterentwicklung die Berücksichtigung zeitgenössischer und partizipatorischer Ansätze, die es verstehen anders im Feld der Vermittlung zu agieren. Dort werden die Rampen für die Zugänglichkeit von Kultur gelegt, nicht die stuck-beladenen Theaterhäuser der Bundeshauptstadt können diesen niederschwelligen Zugang legen, sondern Kunst und Kultur, die in den Orten passiert und entsteht. Dazu braucht es aber auch die Selbstverständlichkeit der Förderung dieser, auf kommunaler, wie auch auf Bundesebene. Derzeit sind zwei Entwicklungen zu beachten, die leider immer wieder gegeneinander ausgespielt werden, kurz gesagt wären das Content vs. Struktur.

Die kulturellen Zentren
Seit den 70er Jahren wurden aufgrund einer anwachsenden Unzufriedenheit mit den Möglichkeiten kulturellen Lebens am Land mehr und mehr Kulturinitiativen gegründet, die sich meist darum bemühten einen Raum für ihre Zwecke zu adaptieren und selbstorganisiert VeranstalterInnen zu werden. Diese kulturellen Zentren sind in ihrer Programmierung und ihren Organisationsformen sicherlich von großen Unterschieden geprägt, verbindend ist jedoch die Idee und das Streben kleinerer Gruppen das Kulturangebot der Region mitzuprägen, eigene Vorstellungen zu verwirklichen und auch kritische Diskussionen zu ermöglichen. Die Möglichkeiten dieser Räume gestalten sich je nach Ausstattung verschiedentlich, jedoch haben sie die Chance lebendige, initiative, regionale wie überregionale Facetten des Kunst- und Kulturlebens an ein Publikum zu bringen. Durch „Lokalität“ der Räume ergibt sich die Möglichkeit auf spezifische Fragestellungen zu reagieren und eine Plattform zu bieten.

Die NomadInnen
War es bis vor kurzer Zeit Strategie von aktiven KulturarbeiterInnen Räume zu erobern, zu gründen und zu gestalten, um eben jene Bedürfnisse nach alternativen Orten und Angeboten zu stillen, entwickelten sich in den letzten Jahren Zusammenhänge, die nicht darauf abzielten eigene Räume oder Häuser zu gründen. Vielmehr finden sich immer öfter Zusammenschlüsse, die zeitlich befristete Projekte organisieren und sich dann wieder in neue Kooperationen bewegen. Dieses Phänomen im sozio-kulturellen Feld hat einen nicht unbedeutsamen Vorteil, da diese Zusammenschlüsse oftmals sich nur zu spezifischen Themen und künstlerischen Arbeiten organisieren. Sie können schnell auf aktuelle Brennpunkte reagieren und ermöglichen es minorisierten Gruppen in das Diskurs- und Kunstfeld zu intervenieren. Ein nicht unbedeutender Aspekt für junge oder neue KulturarbeiterInnen ist jedoch auch die Undurchlässigkeit manch gewachsener Struktur, die sich zum Teil mehr und mehr kommerziell orientieren. Daher stellt sich die Frage nach welche Schnittstellenfunktionen können bzw. müssen diese beiden AkteurInnen im Feld der sozio-kulturellen Arbeit erfüllen. Bietet die eine Stelle neben Räumlichkeiten, auch Know-how und Netzwerke, versteht es die andere aus gerade entstehenden oder bisweilen vernachlässigte Bereiche zu schöpfen.

Die Förderung kultureller Kompetenz, Experimentierfreudigkeit und das Re-Agieren auf gesellschaftliche, politische und künstlerische Fragen stellen dabei einige der wichtigsten Aspekte der beiden „Player“ dar. Hier kann die Wichtigkeit von regionaler Kulturarbeit für die Entwicklung gesellschaftlicher, demokratischer Foren nicht genug betont werden. Ein Beispiel ist die Geschichte migrantischer Kulturvereine: Diese boten der ersten Gastarbeitergeneration die Möglichkeit sich selbst zu organisieren und Räume für (kulturellen) Austausch, meist noch für die eigene Sprachgruppe, zu ermöglichen. Für zweite und dritte Generationen stellen sich jedoch andere Fragen nach Partizipation und Gestaltungsmöglichkeit im eigenen Lebensumfeld. Hier sind alte, wie neue Initiativen angehalten, die eigenen Strukturen zu öffnen und die Wichtigkeit für sich selbst zu erkennen. Dazu braucht es aber die (finanzielle) Unterstützung der Kommunen und der Landeskulturabteilung, die gezielt politische, antirassistische Kulturarbeit als zu fördernden Teilaspekt erkennen. Verhält es sich in der Kulturarbeit von MigrantInnen ja nicht anders, wie in der übrigen Kulturarbeit: Für beide ist wichtig, nicht nur Brauchtum, Tradition und Tourismusveranstaltungen zu fördern, sondern vielmehr die Möglichkeiten und Offenheit zu produzieren, die eine zeitgenössische, aktuelle Kulturarbeit befördern.

Was nun?
Sollte ich eine Empfehlung abgeben für nächste Schwerpunktsetzungen in der Kulturpolitik, dann kann diese nur folgendermaßen lauten:

+ KulturarbeiterInnen leisten wichtige Basisarbeit und diese muss gefördert werden;
+ eine Abkehr vom entweder-oder-Prinzip in der Förderpolitik: kontinuierliche Kulturarbeit braucht Strukturen, Räume, etc aber auch Unterstützung in der Entwicklung von Inhalten, Projekten, Produkten, ...
+ Zugang zu Ressourcen und Know-how für alle Bevölkerungsgruppen bewusst stärken und ausbauen,
+ und die Chancen der Vermittlungstätigkeit und Diskursbildung in und durch Kulturinitiativen nicht vorbeiziehen lassen.

Anerkennung des potentielle, wie schon vorhandenen Aktionsradius von Kulturinitiativen erscheint dann letztendlich wie ein Bekenntnis zum Salz in der Suppe. Und das sollte ja leicht von den Lippen gehen.

Dieser Artikel erschien in: Freie Tiroler Kulturszene. Herausgegeben vom Amt der Tiroler Landesregierung. Abteilung Kultur. 2008
http://igkultur.at/igkultur/kulturpolitik/1207137854

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