Einschließen und ausgrenzen

Sprache in der (partei)gesellschaftlichen medialen Wirklichkeit. Vlatka Frketić.

Von mehreren Menschen aus den unterschiedlichsten Kontexten habe ich vor den Wahlen gehört: „Also in meinem Umfeld wählen alle Rot oder Grün oder Rot-Rot.“ Ein paar, die Schwarz gewählt haben, waren auch dabei. Auch die (wahlberechtigten) Kinder dieser Menschen hätten sich ungefähr so geäußert. Dann kam die, ich muss es zugeben, Überraschung und wieder einmal die Erkenntnis, in was für einem Mikrokosmos ich doch lebe. Auch wenn das öffentliche Bekennen zu einer der rechten Parteien seit dem 3. Oktober 1999 immer stärker aus der Privatsphäre in eine breite Öffentlichkeit, in den Alltag verrückt ist. Durch die Legitimierung einer rechtspopulistischen Partei mit radikalen Elementen als Regierungspartei ist es zu einer öffentlichen Normalisierung von Rassismus und Rechtspopulismus gekommen. Seitdem ist viel Wasser über die Mühlen geflossen. Die Medien trugen und tragen ihren Teil bei. Überschriften wie „Krieg der Worte“ waren in den letzten Wochen in österreichischen Zeitungen zu lesen. Rassistische Äußerungen werden als „umstrittene“ Äußerungen bezeichnet. Und wenn etwas doch als rassistisch benannt wird, dann mit der Argumentation, dass es populistische Politiken unterstütze, und nicht, weil es Rassismen produziert.

Ängste und Unsicherheiten werden von rechtspopulistischen Bewegungen und Parteien, wie es Ruth Wodak und Martin Reisigl beschreiben, agitatorisch geschürt. Rechtspopulistische Positionen werden akzeptiert, die rassistischen Hintergründe ignoriert und durch deren Tolerieren normalisiert. Die Medien leisten der Normalisierung Vorschub, indem sie u.a. unreflektiert ideologiegebundene Wörter und Wendungen benutzen oder besser gesagt wiedergeben, die es ermöglichen, politische Haltungen und Einstellungen breit zu streuen.

Ideologiegebundene Wörter bezeichnen etwas, bewerten etwas, fordern zu etwas auf und normalisieren. Mit Sprüchen wie „Wir wollen unsere Kultur erhalten“, „Pummerin statt Muezzin“, „Herr im eigenen Haus bleiben“ oder „Österreich den Österreichern“ werden Konzepte wie Tradition, Freiheit, bzw. deren Bedrohung, oder Heimat in einen Ausgrenzungsdiskurs gestellt und in diesem rassifiziert. Eine weitreichende öffentliche kritische Auseinandersetzung mit diesen, unseren Alltag beeinflussenden Verwendungen oder anderen Begriffen und Konzepten fehlt noch. Das Ideologievokabular vereinfacht die komplexe Wirklichkeit und stellt diese für eine große Anzahl von Menschen verständlich dar. Aus diesem Grund sind solche Worte für eine große Mehrheit sehr anziehend. Sie reduzieren Bedeutungen und haben eine enorme emotionale Anziehungskraft. Gesamtgesellschaftliche Überzeugungen werden ausgedrückt, Loyalitäten stabilisiert. Es wird aber auch bezeichnet, was nicht wünschens- bzw. erstrebenswert erscheint. Es gibt ein universelles Ideologievokabular, das unter Umständen aber Verschiedenes bezeichnet, bewertet und die Rezipient_innen unterschiedlich auffordert, etwas auf eine bestimmte Art zu tun.

Konkurrierende Inhalte können mit denselben Begriffen dargestellt werden, die aber ideologisch anders gefüllt sind. Mit der rhetorischen Darstellung der „Anständigen“, „Tüchtigen“ und des „kleinen Mannes“ in einer rechtspopulistischen Politik der einfachen Antworten können sich viele identifizieren. Damit erfolgt auch eine Differenzierung zu den Anderen, den „Nicht-Anständigen“, den „Faulen“ und den „Bonzen“. Die Identifizierung mit der Eigengruppe und dem, wofür diese Gruppe steht, wird aufgewertet, die anderen werden diffamiert und zurückgewiesen. Das „Wir“ wird von den Anderen abgegrenzt. Im Wahlkampf 2005 wurde mit Slogans wie „Freie Frauen statt Kopftuchzwang“ ein Kampf gegen den Islam im Namen der Freiheit für die Frauen und damit im Namen der sozialen Gerechtigkeit geführt.

Aber nicht nur auf der Wortebene erfolgt seit fast 30 Jahren eine kontinuierliche Normalisierung, eine kontinuierliche Verschiebung nach Rechts in der österreichischen Politik. Auch Bildpolitiken folgen diesem Trend. Wenn ein Artikel zur erfolgreichen Bekämpfung von Kriminalität, in dem Migrant_innen mit keinem Wort vorkommen, mit einem Bild vervollständigt wird, auf dem ein schwarzer Mann in Handschellen von zwei weißen Beamten abgeführt wird, so wird für viele Leser_innen die Verbindung von Kriminalität und Migrant_innen bzw. schwarzen Menschen hergestellt. Die Links-Rechts-Waage steht nicht nur in Österreich schief.

Martin Reisigl und Ruth Wodak (2002): „Nationalpopulistische Rhetorik“. In: Alexander Demirovic und Manuela Bojadžijev (Hrsg.): „Konjunkturen des Rassismus“.
Heiko Girnth (2002): „Sprache und Sprachverwendung in der Politik“.

Erschienen in der Malmoe-Sonderausgabe 44 „Wir nennen es rechtsextrem“
http://www.malmoe.org/artikel/top/1749

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